Menschen erzählen gern aus ihrem Leben. Man muss ihnen nur zuhören. Und ehe man sich versieht, nimmt man ihnen ihre Lebensgeschichte ab wie eine Beichte. Da wird der Zuhörer schnell zu einem Therapeuten, der sich in diese Geschichten immer wieder als Fragender einbringt. Nur so lässt sich das, was erzählt wird, als Erzählung in Gang halten, um dann diese Lebensgeschichte möglichst authentisch festhalten zu können. Ob diese Geschichte dann am Ende das Selbstwertgefühl des Erzählers steigert oder demontiert, hängt vor allem auch vom zuhörenden Therapeuten ab.
Obwohl sich Dr. Paulus Energie immer als „Gesprächstherapeut“ vorstellte, verhinderte er systematisch, dass seine Klienten sozusagen im Rückspiegel ihr Leben noch einmal betrachten konnten. Denn Dr. Energie vertrat ein Weltbild, das natürlich nur die „absolute Wahrheit“ kannte. Dass aber gerade diese Art von Wahrheit eine der Ursünden der Demokratie ist, interessierte Dr. Energie nicht. Denn nach seiner Ansicht sehnte sich der Mensch sowieso nach einer Elite, die den anderen Menschen sagt, was richtig und falsch ist. Denn die „unwissende Masse“ komme sowieso nicht dahinter…
Wie gesagt, Dr. Energie war sich seiner Sache immer verdammt sicher. Und so stülpte er sein Weltbild dem „Ich“-schwachen Seminarklienten über wie einen Zweiwettermantel. Und wenn man dann Dr. Energie zuhörte, konnte man glauben der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor, wenn seine "Patienten" nicht diese Bewusstseinsebene erreichten, die er selbst schon seit Jahren mit Hilfe seiner „Weisen“ erreicht hatte.
Kurz, Dr. Energie interessierte einen feuchten Kehricht, ob seine "Patienten" in der Lage waren ihr Leben durch Erzählungen zu rekonstruieren oder nicht. Paulus war nicht der Archäologe ihrer individuellen Geschichte. Im Gegenteil, er war froh, wenn diese Menschen, die ihn aufsuchten, nur eine fragmentarische Aneinanderreihung von Fakten zusammenbrachten ohne in diesen Fakten einen Sinn zu entdecken. Aber gerade, wenn man entdecken muss, dass die Welt nicht mit einem selbst begann, kann einen diese Erkenntnis heimatlos machen. Und schon glaubt man keinen Einfluss mehr auf das eigene Leben zu haben. Da ist man schnell undurchschaubaren Kräften ausgeliefert…
Wer aber früher zum Himmel aufschaute, um von dort Hilfe zu erwarten, muss feststellen, dass das Kreuz schon lange besetzt gehalten wird. Und derjenige, der behauptet von Gott berufen zu sein, muss sich fragen lassen: Wozu?
Kurz, in diesen Augenblicken schlug immer wieder die Stunde des Dr. Energie mit seiner esoterischen Terminologie. Wenn es darum ging die Menschen auf ihre Nützlichkeit hin abzuklopfen, war er in der Tat ein „Meister“ seines Faches. Nur, Dr. Energie hatte niemals die Absicht diesen Menschen wirklich zu helfen. Und so pflegte er in seinen Seminarräumen hinter den hohen Mauern seines Grundstückes eine Art Privatissimum, das von seinem Klientel als tröstlich empfunden wurde.
Wahrscheinlich hatten Dr. Energie und seine Gabriela bei den Seminaren, die sie früher selber besuchen mussten, gelernt, dass nicht nur die Christen ihre Lehre auf Sentimentalität aufgebaut hatten. Und Sentimentalität ist immer etwas für schlichte Gemüter, die ihren Trost suchen und doch nur vertröstet werden. Da wird selbst der gekreuzigte Jesus zum Symbol für das eigene Schicksal, dem man nicht entkommen kann. Und schon erscheint nicht einmal die Geschichte der Unterdrückung als inakzeptabel.
Im Übrigen war Paulus lang genug Messdiener. Das kann prägen ohne, dass man sich gleich als Jesus fühlen musste. Warum sollte er also nicht der Therapeut der „armen Seelen“ sein? Und warum sollte er diesen Menschen nicht eine andere Welt anbieten, die nichts mit dieser unübersichtlichen Realität zu tun hatte? Menschen, die glauben wollen, dass diese Welt nur durch eine „absolute Wahrheit“ zusammengehalten wird, wollen von der Mehrdeutigkeit der Dinge nichts hören.