Beitrag von Dr. Mathias Knoll
Ich kann nicht behaupten, dass Paulus mein Freund war. Aber es gibt Situationen im Leben, da wird man einen Menschen nicht mehr los…
Wir waren wie Spiegel, die sich gegenseitig reflektieren, während sich ihre Rahmen schweigsam betrachten. Und manchmal fragte ich mich, was sieht ein Spiegel, der den anderen Spiegel beobachtet?
Kurz, es war erstaunlich, wozu sich dieser ehemalige Mediziner hergab. Jahrzehnte setzte er bei seiner diagnostischen Arbeit Röntgenstrahlen ein, um dann plötzlich zu behaupten:
„Die einzige Wahrheit liegt in der Esoterik…“
Seit dieser Zeit spricht Dr. Energie keinen Satz mehr, in dem nicht wenigstens einmal das Wort „Energie“ vorkommt. Ich weiß nicht, welches Saulus-Paulus-Erlebnis ihn erwischt hatte. Ich kann da nicht mitreden…
Aber für Dr. Energie, wie gesagt, gab es plötzlich nur noch eine Wahrheit:
„…und wer das nicht glaubt, mit dem kann ich nicht diskutieren...“
Zugegeben, diese Art von Logik passte zu Paulus schon als Student. Damals studierten wir in Gießen.
Kurz, Dogmatiker sind selten lustig. Da konnte Dr. Energie lächeln solange er wollte. Ich verlasse mich immer lieber auf meine Art von Blickkontakt…
Nun gut, ein naiver Mensch mochte glauben Dr. Energie habe gutmütige Augen. Nach meiner Ansicht aber hatte er inzwischen nur noch einen dümmlichen Blick. Oder bestenfalls sah er schläfrig in die Welt. Aber in diesem Blick hatten Menschen sowieso keinen Platz. Und wenn Dr. Energie auch noch nie einen Roman gelesen hatte, so konnte er doch dafür in den Sternen lesen. Und das, was er dort las, war für ihn nie enttäuschend...
Nun ja, anfangs konnte ich ihn verstehen. Nach dem Tod seiner Frau brauchte er irgendeinen Trost. Sie hatte sich im Treppenhaus der Familienvilla aufgehängt. Ob sie einen Abschiedsbrief hinterließ, kann ich nicht sagen. Aber sie, seine Frau, hatte sich schon seit Jahren überlegt, wie sie sich von ihm trennen sollte…
Beitrag von Dr. Mathias Knoll
Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.
Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de
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