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Kalle der Trinker

KALLE der Trinker

von Dr. Mathias Knoll

Kalle entzog sich schon lange den Menschen:
Immer, wenn ich ihn sah, war ich irritiert, dass er beim Sprechen kaum noch die Lippen bewegte. Ich besuchte ihn oft, denn Kalle litt unter einer schweren Nervenentzündung. Seitdem hatte er diesen merkwürdig schlackernden Gang eines Seemannes. Als er aber auch noch sein Bein brach, verlangte er immer öfter nach seinen Schmerzmitteln. Wenn ich ihm dann aber ein weiteres Rezept verweigerte, sah er mich geradezu feindselig an und knallte die Flasche Korn auf den Tisch.
Kurz, Kalle war ein Trinker, der sein Zimmer kaum noch verließ. Seine Behausung war voll gestopft mit Möbel vom Sperrmüll und irgendwelchen Kartons.
Ein Stapel zusammengebundener Zeitungen stützte den Tisch oder hielt die Schranktür offen. Unter der Zimmerdecke hing eine nackte Glühbirne. Im Spülstein klebten noch Abfallreste und durch das zugige Fenster sah man auf den Hinterhof. Auf der Fensterscheibe stand Kondenswasser.
Kalle wohnte im Hinterhof am Ende eines langen Ganges, der mit Sperrmüll verstellt war. Irgendwie roch es hier immer nach feuchtem Kaninchenstall. Aber Kalle hielt keine Kaninchen.
Er hatte mit sich selbst genug zu tun.
Seine Zimmertür jedoch stand meistens offen. Vielleicht war auch nur das Türschloss defekt. Ich weiß es nicht mehr.
Kalle war kein Alkoholiker, der sich jeden Tag das Trinken abgewöhnte und dazu noch das Rauchen abgewöhnen wollte. Das nicht. Aber meinen Hinweis, es doch einmal mit dem einen oder dem anderen zu versuchen, lehnte er empört ab.
Er, Kalle, sei nicht für halbe Sachen… und schon zündete er feierlich die nächste Zigarette an und hielt sie gegen das Licht wie eine halbleere Flasche.
Wenn ich heute an ihn zurückdenke, habe ich Mühe mir sein Gesicht vorzustellen. Obwohl, neulich fiel mir noch einmal sein alter Behindertenausweis in die Hände. Jetzt kann ich behaupten: Kalle hatte ein Mondgesicht und wässrige Augen. Dabei war seine bläuliche Haut fleckig verfärbt. Und über seine Wange zog sich eine schlecht verheilende Wunde. Dabei reichte sein dünnes Barthaar bis zu seinem Halsansatz. Ich glaube schon früher erinnerte mich Kalle mit seinem Kugelbauch irgendwie an eine verschwitzte Robbe.
Als ich ihn das letzte Mal sah, saß er in seinem verschlissenen Unterhemd am Küchentisch. Der Aschenbecher quoll über, während sich auf dem Wachstuch das Geschirr stapelte.
Kalle zerbröselte zischen seinen Fingern den Tabak und drehte Zigaretten. Nur gelegentlich zuckte er mit der Hand, um die lästigen Fliegen, die sein abgedecktes Bierglas belagerten, zu vertreiben. Die Schnapsflasche stand neben dem Pappbecher mit dem Nescafe.`
„Kalle, da brennt was an…“, sagte ich, als ich meine Arzttasche abstellte. Auf seinem verbeulten Herd brutzelte immer irgendetwas.
„Und wenn schon…“, lächelte Kalle gequält und riss das Päckchen mit den leeren Zigarettenhülsen auf, das irgendwo zwischen dem Geschirr lag. „Nächste Woche kommt sowieso der Sperrmüll…, “ grinste er und beleckte das Zigarettenpapier. „…dann können die mich gleich mit entsorgen.“

Beitrag von Dr. Mathias Knoll

Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.

Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de

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