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Letzte Ausfahrt: CASARES - Andalusien

Casares ist ein typisch andalusisches Bergdorf in der Sierra Bermeja. Ein kleines Dorf, zu dem eine staubige Straße über endlose Kurven führt. Weiße, ineinander geschachtelte Kuben haben sich in den karstigen Berg verkrallt. Wie kletternde Bergziegen, die hartnäckig ihr Futter suchen. Im hochaufragenden Felsgestein über dem Dorf, die Ruinen einer arabischen Festung.
Kopfsteinpflaster schleicht wie eine Krake durch das Dorf. Der Flaneur schlendert absichtslos durch die Gassen ohne architektonische oder technische Wunder zu erwarten. Eine Form glücklich zu sein.
In dieses Bergdorf könnte man sich verbannen lassen. Ein idealer Ort unterzutauchen. Gassen münden auf einen kleinen, anmutigen Platz...
Nachts herrscht hier eine unbeschreibliche Stille. Das matte Licht der Laterne wirft einen samtartigen Schatten, als würde eine Bühne beleuchtet. Schlagschatten setzen Akzente, als müßten die Häuser neu vermessen werden. So, als seien sie höchstpenibel ausgegraben worden und doch von der Welt vergessen.
Nicht einmal die Uhr des Kirchturmes kann sich für eine Tageszeit entscheiden. Der abgebrochene Uhrzeiger blieb einsam zurück. Wann das letzte Stündchen geschlagen hat,
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unterwegs (2)das weiß hier keiner mehr. Als wäre sich das Dorf einig in seinem lautlosen Protest, der sich dem Nützlichkeitsdenken entzieht. Souverän ignorieren, anders zu sein. So, als habe sie eine heimliche Melancholie befallen. Müdes Mauerwerk, liebevoll, aber dennoch nachlässig gekalkt, zeigt Sprünge, Risse und Flechten. Wie ein altes, abgearbeitetes Gesicht. Hier hat die Gegenwart schon vor einem Menschenleben begonnen. Der Putz der Hausmauer, auf die das Kind den Ball prellt, blättert ab.
Morgen wird sich das Dorf noch mühsamer gegen den Verfall wehren. Die Feuchtigkeit zerfrißt lautlos die Wände, das Dach. Auf der winzigen Dachterrasse eine kleine Zisterne.
Irgendwo in der Provinzhauptstadt wird ein Beamter diesen Ort aus seinen Akten tilgen, ihn an seinem Schreibtisch auslöschen. Und doch, die Wäsche auf der Leine wiegt sich im Wind, als sei für das Dorffest geflaggt.
Auf dem Dorfplatz wird der Lastwagen mit den roten Butanflaschen entladen. Seilchenhüpfende Kinder. Ein Schwarm dunkelhaariger Bengel in kurzen Hosen balgen sich wie junge Hunde um einen Ball. Frauen sitzen, stehen in der Eingangstür. Sie schälen Kartoffeln und weben flüsternd Intrigen. Ein kleines Mädchen schickt versonnen eine Seifenblase auf die kurze Reise durch die Gasse. Frauen mit strohgeflochtenen Einkaufstaschen wechseln den schmalen Bürgersteig, treten aus dem kühlen Schatten auf die Sonnenseite der Gasse. Wind fängt sich in ihren Röcken, die sie mit der Hand raffen, als streichen sie die Segel.
In Hinterhöfe von schmiedeeisernen Fenstergittern bewacht, locken ausgetretene Treppenstufen. Üppige Geranien quellen von den Fensterbänken. Großblättrige Platanenpflanzen verleihen selbst den ausgebeulten, weiß angestrichenen Blechkanistern, aus denen sie hervorschießen, einen malerischen Reiz.
Drei kleine Kinder plätschern im Brunnen. Achtlos haben sie ihre Schuhe und Strümpfe abgestreift und bespritzen sich lautquietschend mit Wasser. Der Polizeiposten sitzt in tadellos gebügelter Uniform wie ein Schalterbeamter hinter seinem Heftchenroman. Gegenüber von der kleinen Polizeistation befindet sich der Dorfkiosk. Ein Blechcontainer, nicht einmal ein Ausschank. Ein knappes Dutzend Weckgläser mit Bon- bons, Zuckerstangen sorgen für eine Art Existenz. Eine alte, schwarz gekleidete Frau hat sich tief ins Fenster des Büdchens gebeugt. Wie eine Schwerhörige, die das Ohr des Gesprächspartners sucht, der im Dunkeln des Containers verborgen bleibt.
Vor dem kleinen Lebensmittelladen mit dem klickenden Perlenvorhang picken gelassen Hühner in einer spärlichen Grasnarbe. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse stellt der Fleischer einen wackeligen Baststuhl vor seinen Laden. Rittlings setzt er sich auf den Stuhl und stützt beide Arme auf die Lehne, als suche er Halt.
Irgendwo hinter dem Haus in den Fels geschlagene, höhlenartige Löcher. Mit Draht und Holz nachlässig ausstaffiert zum Hühnerstall. Zum Kaninchenstall. In dem verwinkelten Eingang des Nebenhauses mit dem Treppenabsatz hängen selbstgestrickte Kleidungsstücke. Der Hauch eines Windes streicht über die Veranda. Geruch von nasser Wäsche. Ein junges Mädchen hockt im Türrahmen und blättert in einem Magazin. Hinter ihr auf dem Vertiko steht das quäkende Radio. Die übrige Familie sitzt in einem abgedunkelten Verkaufsraum, der wie ein Wohnzimmer möbliert ist, wenn auch Textilien angeboten werden. Man sieht fern. Ein kleines Mädchen bewegt sich tänzelnd zur Musik. Eine ältere Frau im Hauskittel versucht den Faden in die Nadel einzuführen. Der Großvater liegt mit schlaffem Mund in dem abgedeckten Sessel und schläft. In dem entspannten Körper ruht eine Gelassenheit, als brauche er kaum noch Kraft zum Leben.
Eine stille Gasse. Aber in dieser Art der Zurückgezogenheit liegt auch etwas wie ein kleines Glück. Ein Kreislauf von regelmäßig wiederkehrenden Gewohnheiten. Das kann beruhigen. Bedrohlich wird es erst, wenn morgens der Hahn nicht mehr kräht oder das Zirpen der Zikaden erstirbt.
Irgendwo auf einer ausgespülten Betontreppe lümmeln Jugendliche. Verwegen die Zigarette im Mundwinkel. In einer Hausnische bedrängt ein junger Soldat ein dralles Mädchen. Sie gurren im geheimen Einverständnis. Im Schatten eines Apfelsinenbaumes sitzt eine alte Frau. Ihr Gesicht ist zerklüftet wie ein Stein. Den quengelnden Enkel auf die Knie gepreßt, kann auch der monotone Tonfall der Märchen erzäh-
lenden Oma nicht beruhigen. Über die verwitterte Bruchsteinmauer des Nachbargartens ragen die Zweige eines Feigenbaumes. Gassen kommen aus dem Nichts, enden im Nichts. Ein Gitter als Schutz vor dem Sprung in das abgrundtiefe Tal, in das sich die Bougainvillea wie ein Sturzbach ergießt.
Die Sonne verschwindet hinter dem Festungsgürtel, der das Dorf beherrscht. Die letzten Strahlen legen sich über das weiße Dorf wie eine verglimmende Glut. Tief unten im Tal legt sich das Flutlicht über den Fußballplatz. Wie farbige Insekten rennen die Spieler hin und her. Zu weit entfernt, um den Spielverlauf verfolgen zu können.
Schwalben segeln im Tiefflug. Geradezu ausgelassen, als genössen sie die Kühle des Abends. Verschossen das Rot der Ziegeldächer. Schuppenartig gedeckt. Ohne Symmetrie. Nicht eine gerade Linie, wenn auch die Menschen, die hier leben, geradeaus denken. Und doch zurückhaltende Menschen. Nicht eigentlich schweigsam, aber von einer Art Sprachlosigkeit, die sich erst dann löst, wenn man sich Jahre kennt oder zuviel getrunken hat.
Ein Dorf, in dem jedes Kind weiß, daß nur eine gute Schulleistung sie aus der Enge der Familie befreit. Die entscheidende Frage ist nur, wieweit einer zu denken wagt. Aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden eine enge Lebensbühne, über die sich der Schatten der mächtigen Felsregionen schiebt. Als lebten sie auf einer Art Sonnenuhr.
Irgendwo plärrt ein Radio.
Das dünne Glöckchen der kleinen, neuen Kirche mahnt zum Kirchgang. Durch das Gassenlabyrinth des Bergdorfes huschen ein paar Gläubige. Etwas verloren, aber zielstrebig. Wie auf der Flucht. Welche Sünden haben sie zu beichten?
Hinter der weißgekalkten Friedhofsmauer, mit seinen Nischengräbern, schrecken zwei Tauben auf. Hektischer Flügelschlag trägt sie in die Luft. Nehmen sie die Seelen der Verstorbenen mit?
Beitrag von Dr. Mathias Knoll

Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.

Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de


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