Wachtberg bei Bonn, 3.5.2010
Sehr geehrter Herr Rösler!
Sehr geehrte mit Gesundheitspolitik befasste Gremien, Politiker und Medien!
Als Apothekerin (angestellt und gerade nach Familienpause wieder einsteigend) und qualitätsorientierte, kritisch mitdenkende Bürgerin bereitet mir die aktuelle Gesundheitspolitik sehr viel Kopfschmerzen.
Aus den beigefügten Texten können Sie meine Bedenken ersehen.
Es ist nur ein Ausschnitt der von mir verfassten Texte - oft fehlen einem einfach die Worte, mir bleibt die Spucke weg.
Die Politiker machen ja sowieso, was sie wollen - ob vernünftig oder nicht.
Das ist vielfach mein Eindruck.
Über Nachhaltigkeit, tiefgehende Folgen wird selten nachgedacht - liegt das an den Legislaturperioden?
Leider werden die Verursacher größter Fehlentscheidungen (gerade heute mal wieder die Bankmanager) eigentlich immer ungeschoren laufengelassen. Das macht mich sehr zornig!
Auf der andern Seite höre ich Berichte von Bekannten, die erzählen, dass alleine in ihrem Umkreis 5 Menschen nach Austausch oder Weglassen von bewährten Magenmedikamenten, bewirkt durch Sparmaßnahmen und Rabattverträge, schwerwiegende behandlungsbedürftige und die Lebensqualität erheblich einschränkende Magenprobleme entwickelt haben!
Ich sehe die Patienten, vor allem ältere Menschen, in der Apotheke und im Bekanntenkreis, die sich mit Mühe durch ihre 5, 6 oder 7 täglich einzunehmenden Tabletten "durchwursteln".
Wenn Nifedipin heute rosa und länglich, morgen weiß und rund ist (durch Austausch wegen des neuen Rabattvertrags!), und womöglich das Simvastatin plötzlich blau statt gelblich, ist die Verwirrung (und Falscheinnahme!!!) vorprogrammiert!
Oder die Tabletten werden gleich gar nicht mehr eingenommen.
Wer trägt die Folgen?
(Wer erfasst die Folgen?)
Ich kann diese Produktaustauscherei in der Apotheke nach (von der Politik abgesicherter) "Krankenkassenvorschrift" mit meinem Gewissen nicht vereinbaren!
Die Politik betreibt, im Verein mit den Krankenkassen, ein Dumping mit Herstellern und Apotheken, eigentlich mit allen Leistungserbringern(!), dass es nicht mehr schön ist!
Folgen und Probleme des "Rabattwahnsinns" für Hersteller, Großhändler und Apotheker:
Man kann nicht mehr planen!
Warenlagerverlässlichkeit - nein, schon wieder ein neuer Rabattvertrag, na toll, muss leider bestellt werden, die Packungen im Schrank verfallen bzw. müssen mit Mühe und unter finanziellem Verlust (für den leider keiner aufkommt außer dem Apothekeninhaber persönlich!) an die Firmen retourniert werden.
Die hardware- und softwaremäßigen Erweiterungen und Erneuerungen, die wegen der riesigen Datenflut durch die Rabattverträge und sonstige "originelle" Einfälle vom "Grünen Tisch" ständig in den Öffentlichen Apotheken notwendig werden - wer zahlt die?
Es kommt kein selbständiger Apotheker darum herum.
Anerkannt werden die gewaltigen Leistungen, die von den "Untergebenen" im Gesundheitssystem (das gilt entsprechend für Ärzte, Pflegende, Therapeuten, usw.) täglich erbracht werden, jedoch mit keinem Wort geschweige denn Euro!
Die Pharmahersteller können im deutschen "Markt" (der im Prinzip keiner mehr ist, so stark sind die Verzerrungen!) nicht mehr längerfristig vernünftig planen - denn im Prinzip müssen sie fast nur noch die Präparate produzieren, für deren Stärke und Packungsgröße sie einen Rabattvertrag ergattern konnten.
(Der allerdings nach 2 Jahren wieder ausläuft - und was dann?)
Letztendlich ist das totales Dumping aufgrund einer unerhörten Monopolisierung der Krankenkassen -
das durch die Politik, durch Ihr Ministerium, gestützt und sogar gefördert wird!
Allein der Staat erhält von den Arzneien unrabattierte Anteile - nämlich die (vollen) 19 % Mehrwertsteuer auf den AVP (Apothekenverkaufspreis)!
Von den GKV'en bekommt niemand (weder Hersteller, noch Großhandel, noch Apotheken) den Preis erstattet, der ihm laut Arzneimittelpreisverordnung zusteht!
Es leben die "(Zwangs-) Rabatte".
Im Grunde ist das Enteignung!!!
Allein der Preis, die "Billigkeit" zählt für die Kassen.
Wo bleibt die Qualität - die bei der so sensiblen medizinischen Versorgung eigentlich das treibende Kriterium sein sollte. Denn was gibt es im Menschenleben Wichtigeres, Prägenderes - aber auch Zerbrechlicheres(!), als die Gesundheit?!
Thema Gesundheitsfonds:
Mit dem Gesundheitsfonds werden riesige Geldbeträge hin- und hergeschoben und verrechnet -
ohne dass irgendjemand noch den Überblick über diese ganzen Transaktionen und Verrechnungen (auch bei der Arztabrechnung, einfach in jedem Bereich!) haben könnte.
Was für Heerscharen von Mitarbeitern sind, natürlich gegen ordentliche (staatliche) Bezahlung, mit der Entwicklung, Etablierung, Durchführung, Kontrolle, juristischen Sicherung, Durchführung, Regulierung dieses Molochs beschäftigt!
Das alles ohne jeglichen positiven Effekt für die Gesundheit von Menschen!!! Was für ein Irrsinn.
Wir hatten ein über Jahrzehnte entwickeltes und bewährtes Gesundheitssystem.
Die Kassen hatten ihre kalkulierbaren Einnahmen -
wenn es nicht reichte, musste eben eine Kasse den Beitragssatz variieren.
Es gab Wettbewerb zwischen den damals privatisierten und gleichgestellten Kassen (ca. 1994 von der Politik eingeführt).
Unterschiedliche "Risiken", also Versicherteneigenschaften wurden zwischen den Kassen verrechnet durch den Risikostrukturausgleich (RSA).
Wenn dieser nicht korrekt, an einigen Stellen ungerecht gewesen sein sollte, könnte man ja daran gezielt etwas variieren.
Nein, es musste "alles neu" gemacht werden, und vermeintlich "besser"!
Die Krankenkassen waren bisher Herr über ihre Finanzen.
Sie waren für die Kontrolle der Ausgaben zuständig, für gesundes Wirtschaften -
unter der (notwendigen) Oberaufsicht der Politik.
Das ist Ihr Prinzip "Privat vor Staat", so wie ich es verstehe.
Im Gesundheitsfonds wird nun alles staatlich vereinheitlicht, vorgeschrieben –
und verkompliziert.
Letztliche Verantwortlichkeit für die Gelder hat niemand mehr.
Der Überblick geht völlig verloren.
Die Kassen müssen hoffen, dass sie genug Geld zurückzugeteilt bekommen, um ihre Leistungserbringer entlohnen zu können.
Die Politik muss "hoffen", dass es irgendwie gut gehen möge mit diesem "Fonds"... .
Warum diese gewaltigen Geldtransferschritte, die meines Erachtens keinerlei Fortschritt, sondern nur Aufwand und Ausgaben bringen???
Kein positiver Effekt für die Gesundheit der Bevölkerung!
Es lebe die Verwaltung!
(Sind das Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im großen Stil - es gibt ja sonst nichts zu tun?!?)
Ich würde mir wünschen, dass dieser gesamte Gesundheitsfonds "zurückgebaut" würde.
Er bringt praktisch überhaupt nichts außer Kosten und Verwaltungsaufwand!
Außerdem das erhebliche Risiko, dass sensible Daten in falsche Hände gelangen –
und Gelder ebenso!
Lasst die einzelnen GKV'en wieder eigenverantwortlich die Gelder ihrer Versicherten verwalten und die Entlohnung der Leistungsträger, mit vernünftigen Beträgen, durchführen. („Privat vor Staat!“)
Es sollte auf jeden Fall eine angemessene Kontrolle auf Korrektheit der Abrechnungen erfolgen. Da sind sicher noch Verbesserungen im System zu erzielen.
Jeder Handwerker, jeder Rechtsanwalt, jeder "Coach", jeder privatwirtschaftlich tätige Mensch rechnet selbstverständlich die Leistungen ab, die von ihm verlangt und ordentlich, verantwortlich erbracht wurden.
Warum soll das bei im Gesundheitswesen mit hoher Verantwortlichkeit für das Wohl und Wehe von Menschen tätigen Leistungserbringern (Ärzte, Apotheker, Therapeuten, Medikamentenhersteller, Forschende, Pflegende) anders sein?
Warum diese unsäglichen Pauschalierungen, Punktverrechnungen, Rabattierungen, Regelleistungsvolumina, Preismoratorien, usw.?
Ich freue mich auf Ihre Antwort -
und hoffe sehr, dass Sie Anregungen aus diesem Schreiben in Ihre Überlegungen einbeziehen!
Ich stehe gerne für Rückfragen und zur weiteren Diskussion zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Almut Rosebrock
Wachtberg bei Bonn
Tel. 0228/340926
www.glmk.de
Die Weitergabe dieses „Offenen Briefes“ an Interessierte ist eindeutig erwünscht.
Für ein Bookmark bedanken wir uns herzlich!