Natürlich werde ich ihr die Wahrheit verschweigen, dachte der Arzt. Nur sparsam ging er mit seinen Erklärungen um. Er zog vage Vergleiche. Von ihrer Krankheit sprach er wie von einem Routinefall.
„Die Behandlung führt in den meisten Fällen zu einem guten Ende, “ sagte er unbestimmt. Wer dachte schon bei einem guten Ende an den Tod? Ihr Tod wird die Erlösung sein, dachte er.
Während er die Patientin abhörte, machte sie einen Buckel. Ihre Perücke hing achtlos am Bettpfosten.Sie hatte einen kleinen Kopf mit spärlich, weissen Haaren. Ihre Haut erinnerte ihn an rissiges Pergament.
„Sehe ich nicht furchtbar aus?“ sagte sie leise und lächelte verschämt. Der Kopf der Patientin verschwand nahezu unter dem Plumeau. „Nur noch Haut und Knochen. Ich darf mich nicht mehr im Spiegel sehen.“ Ihre eingefallenen Gesichtszüge verzogen sich zu einem mühsamen Lächeln. So, als erhole sie sich von einem brennenden Schmerz. Ihre Lippen waren starr wie ein Fossil und die dunklen Augenhöhlen umgab eine beklemmende Stille.
Sogar der Bestattungsunternehmer wird sich wundern wie leicht der Sarg sein wird, dachte der Arzt. Sozusagen Brutto gleich Netto. Man kann nur hoffen, dass die Träger nicht die Balance verlieren. Das würde zu einem makaberen Requiem, wenn die Leiche ins Rutschen gerät.
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Hausbesuch & Sterben (1)Sie hatte den Mund weit aufgerissen wie ein an Land geworfener Fisch. Immer dann, wenn man auf ihren Atem wartete, stieß sie einen Schwall von schlechter Atemluft aus. Es roch nach Erbrochenem. Ihre Mundwinkel waren eingerissen und verschorft. Die entzündeten Augen versuchten sich zu erklären. Matt hob sie den rechten Arm, der kraftlos zurückfiel. Ihre Fingerkuppen waren blau unterlaufen. Die Nägel schienen in den letzten Tagen noch schneller zu wachsen.
Der Arzt wusste, viel schlechter konnte es ihr nicht mehr gehen. Er bemühte sich um einen besorgten Gesichtsausdruck wie der Priester bei der Beichte. So verhält man sich unweigerlich in der Gegenwart eines Menschen, der bald tot sein wird, dachte er. Dabei ist der Mensch unfähig den Schmerz, den er nicht sieht, zu teilen. Aber gleichzeitig lächelte er harmlos, als wolle er ihr sagen: Auch ich mag keine Geheimnisse...
Der Schweiß verklebte ihre Haare, die nur noch den müden Rest einer Dauerwelle zeigten. Ob sie noch weiß wie sie früher aussah? dachte der Arzt. Und doch schien sie keine Zeit mehr zu haben erstaunt zu sein. Sie war keine Frau, die in ihrem Leben Tagebuch führte. Für sie schien das Leben immer selbstverständlich zu sein und frei von theoretischen Überlegungen.
Die schweren Eichenmöbel beherrschten den Raum. An den Wänden hingen zwei Stickbilder und ein gutgemeintes Aquarell. Im kissenübersäten Sofa saß die halbwüchsige Tochter und weinte. Ab und an sah sie verstohlen zur Uhr. Sie rutschte noch tiefer in ihren Sessel, als fühle sie sich von der niedrigen Decke des Fachwerkhauses bedroht.
Der Ehemann betrat leise den Raum. Zögernd, als betrete er einen Käfig, schloß er hinter sich die Tür.
„Wir werden das schon hinkriegen..., “ sagte der Arzt burschikos. Und er dachte: Wie ich diese Phrasen hasse...
Mit den Angehörigen hatte er sich auf eine Diagnose geeinigt, zu deren Entschlüsselung auch das Gesundheitslexikon nicht taugte. Eine Form von Magenschleimhautentzündung oder so. Nur noch etwas schwerwiegender. Eher eine Entzündung. Ja, da hat man schon mal Bluterbrechen...
So wurde jeder Hausbesuch zu einer Farce. Und die Frage: Wie geht’s ? stellte er, der Arzt, schon lange nicht mehr.
„Na, aber die Infusionen haben doch gut geholfen...?! “ sagte der Arzt aufmunternd. „Sie haben wieder richtig rote Wangen... “ .
Auf dem Stickbild über dem Sofa stand: Schweigen ist Gold. Als ließe sich der Tod verschweigen, dachte der Arzt.
Wo liegt der Unterschied zwischen dem Leben und dem Sterben? Oder ist es völlig belanglos, ob man noch tausend Atemzüge lebt oder bereits dreitausend Atemzüge tot war? Vielleicht müssen wir nur lernen nicht mehr zu leben. Aber wer kann das schon? Ich würde meinen Arzt hassen, dachte er, wenn ich auf dem Sterbebett in sein Gesicht sehen müßte. Denn während ich sterbe, darf er überleben, als sei das auch noch sein eigener Verdienst.
„Selbst die Bouillion ist drin geblieben, “ sagte der Ehemann. Und der Arzt wußte, daß der Mann nicht an den baldigen Tod seiner Frau glauben wollte.
„Seien Sie froh, daß Sie bei diesem Sauwetter im Bett liegen dürfen, “ wandte sich der Arzt wieder an die Patientin.
„Sehen Sie mal, den schönen Blumenstrauß..., “ sagte sie matt.
Die hageren Finger der Patientin umkrallten seinen Arm. „Ich habe Fieber..., “ sagte sie tonlos.
„Wir haben eine gute Nachbarschaft..., “ sagte der Ehemann.
„Bestimmt können Sie bald wieder aufstehen, “ lächelte der Arzt. Sie erhob sich mühsam, stützte sich auf den Unterarm und verlangte nach der Plastikschüssel. Sie erbrach dunkelrotes Koagel. Ihre Augen versanken in ihren Höhlen.
„Gut, daß es raus ist, “ sagte der Arzt. Ihr Oberkörper fiel kraftlos zurück. Der Kopf versank in ihren Kissen. Sie atmete wie ein müdes, gehetztes Tier.
„Wissen Sie..., “ sagte sie schnell, „...der Winter ist eingebrochen.“
„Aber der Winter hat auch seinen Reiz, “ sagte der Ehemann. Irgendwie klang er trotzig. Ihr fiel das Sprechen schwer. Ihre Augen versuchten sich zu erklären.
„Wir fühlen uns im Glauben aufgehoben“, sagte der Mann selbstgefällig. „Krankheiten haben auch ihren Sinn. Da verliere ich nicht mein Gottvertrauen."
Er trug Sandalen. Als Kind hätte ich gesagt seine Socken qualmen. Moralisch anspruchsvolle Menschen sind selten Ästheten, dachte der Arzt und sah den Ehemann erstaunt an. Sprach der nun mit seiner Frau? Mit ihm, dem Arzt? Oder doch nur mit sich selbst?
„Wir vertrauen den Heiligen," sagte der Ehemann. "Der Todestag ist der Tag der Wiedergeburt.“
Was soll ich da noch sagen? dachte der Arzt.
„Diese verfluchten Schmerzen..., “ flüsterte die Frau.
„Ich gebe ihnen gleich eine Spritze, “ sagte der Arzt und hantierte in seinem Hausarztkoffer.
„Vom Sterben spricht man nicht..., “ sagte der Ehemann leise und sah den Arzt vorwurfsvoll an. Gehört der Tod nicht zum Leben? dachte der Arzt. Oder wollte der Ehemann am Ende noch, dass seine Frau ihr Sterben bewusst erlebte? Was für eine Haltung?
„Wir vertrauen den Heiligen, “ sagte die Frau matt. Sie bekreuzigte sich kraftlos, als wäre sie nicht sicher, was sie vom Tod halten sollte.
Was soll ich da noch sagen? dachte Orf. Auch wenn er die Schlichtheit dieser Aussage sozusagen innerlich belächelte, so beneidete er diese Sterbende um ihren Glaubenswillen. Immerhin wird sie nicht von ihren Schmerzen davongerissen wie von einer Stromschnelle.
Die Kalendertage der Heiligen sind keine Geburtstage, dachte der Arzt. Es sind Todestage. Eine wunderbare christlicher Vorstellung. So wird der Todestag ein Tag der Wiedergeburt. Sozusagen der Geburtstag, um in den Himmel aufgenommen zu werden.
Aus dieser Sicht besteht kein großer Unterschied zwischen dem Leben und dem Tod. Wenn dieser Glaube hilft, dachte er, soll es mir Recht sein.
„Für die Beerdigung ist gesorgt, “ sagte der Mann leise zum Arzt und nickte seiner Frau aufmunternd zu. Nachdem der Arzt die Injektionsnadel gesetzt hatte, lächelte sie mühsam, während sie die Augen schloss.
„Letzte Nacht bin ich zu meinem Kleiderschrank gekrochen. Noch einmal wollte ich an meinen Blusen den Duft des Sommers riechen,“ lächelte sie matt.
„Gleich haben sie keine Schmerzen mehr, “ sagte der Arzt und hielt ihre Hand bis sie einschlief.
Es wird nicht mehr lange dauern, dachte der Arzt, dann steht der verschwitzte Geistliche vor ihrem Bett und lächelt sanftmütig wie eine schwuchtelige Heiligenfigur.
Routiniert öffnet er sein Klappköfferchen. Wie ein deus ex machina springen Kruzifix und Kerzenleuchter auf, um in senkrechter Haltung Stellung zu beziehen. Nur ein paar Handgriffe und schon ist ein kleiner Altar arrangiert.
Das samtartig ausgeschlagene Köfferchen hat den Charme eines Bauchladens.
Der Geistliche erteilt das letzte Sakrament. Er ist außer Atem. Er hat heute noch ein paar Termine. Kurze Zeit später steht der Mann vom Bestattungsunternehmen in der Tür.
Beitrag von Dr. Mathias Knoll
Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.
Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de
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