Der Querdenker - die Website der Meinungsfreiheit

Mein Malerfeund

Woldemar - mein Malerfreund

„Was habe ich nicht Alles als Kind geträumt…,“ lächelte Woldemar, mein Malerfreund und griff nach dem Streichholz, um in seiner Pfeife herumzustochern. “…und wenn ich dann morgens aufwachte, dachte ich oft, das Leben müsste ab heute ganz anders sein. Und so stellte ich mir vor: Die Schule war abgebrannt, die Eltern auf Reisen und ich lebte allein wie Robinson, der sich aus , demTreibholz eine Hütte baut. Aber kaum hatte ich auf meiner Insel überlebt, da hörte ich schon meine Mutter, die mich zum Frühstück rief...
Kurz, ich hatte Glück in meinem Leben. Denn mein Vater setzte mich schon beizeiten vor die Tür. Selbst wenn ich mich in jener Zeit nicht mehr mit Robinson identifizierte, sondern mit einem Nomaden, der viel Luft braucht - dieser Schritt, plötzlich nicht mehr zu Hause wohnen zu dürfen, irritierte mich. Das kann man sich denken... Selbst dann, wenn man, so wie ich, von morgens bis abends über die „Freiheit“ dozierte. Und insgeheim fragte ich mich dann, was hatte ich für meine Freiheit eingetauscht? Die Meinungsfreiheit? Die Religionsfreiheit? Oder die Reisefreiheit? Aber zum Reisen hatte ich ohnehin kein Geld.
Nun, zum Glück dauerte diese Irritation nicht lange. Und plötzlich wußte ich: Freiheit und Glück waren
für mich identisch. Und von diesem Augenblick an plagte mich nie mehr das Gefühl keine Zeit zu haben. Denn für den Fortschritt der Kunstgeschichte, die sich doch immer nur der Zeit unterordnet, war ich ohnehin nicht verantwortlich. Und ich war auch nicht von den Jahreszeiten abhängig wie ein Bauer. Aber, das sah ich an meiner Umgebung, je mehr sich das entwickelte, was der Mensch Kultur nennt, desto hektischer wurden die Menschen. Und nicht nur das - sie hatten ein total gestörtes Verhältnis zu ihrer Zukunft.
Für mich gab es da nur einen logischen Schluß: Ich kann nur glücklich werden, wenn ich mein Leben nicht in die Zukunft verlegte. Und trotzdem war ich damals immer davon überzeugt alles zu erreichen, was ich nur wollte.
Noch heute bin ich meinem Vater dankbar dafür. Immerhin war er konsequent. Aber diese Konsequenz kann nicht jeder Sohn vertragen.
„Wenn Dir alles nicht passt, “ lächelte damals mein Vater maliziös und klopfte dabei entschlossen, aber leise auf den Glastisch, dann musst Du in Gottes Namen Künstler werden. Dann lernst Du wenigstens früh zu hungern…Wir jedenfalls, Deine Mutter und ich, bezahlen Deine Miete…“
Mein Vater fiel dann in seinen Sessel zurück, streckte seine Hand nach dem Whiskyglas und leerte es geistesabwesend. Wenn ich heute daran zurückdenke glaube ich, er war enttäuscht.
Immerhin, der Blick in die Weltliteratur liess erahnen, welche Bedeutung das Geld hatte, wenn man kein Geld hat. Denn auch ich kannte in unserem Ort keinen Künstler, der vom Verkauf seiner Bilder hätte leben können. Und es gab auch keinen, der nach seinem Tode berühmt geworden wäre. Aber solange wollte ich sowieso nicht warten…
Nur, ich behauptete auch nie lieber arm sterben zu wollen, als meine Kunst an den „Markt“ zu verraten. Dann behält man einen leeren Bauch, aber Geld bekommt er dafür auch nicht. Also ich bin kein Traumtänzer, wenn ich nicht träume.
Und so war auch mir immer klar, dass Geld einen schlechten Ruf hat,“ lachte Woldemar und sog an seiner Pfeife, als ob er schmatzte. "Aber damals hatte ich zum ersten Mal nicht mehr das Brot über Nacht. Und da lernte ich die wichtigste Lektion meines Lebens: Zum Leben braucht man nur wenig. Und trotzdem kann man glücklich sein. Aber das, was man braucht, sind Menschen, die einen durch ihr Interesse ermutigen oder vielleicht sogar lieben, weil man gerade auf das verzichten kann, was alle nur wollen: Geld."

Beitrag von Dr. Mathias Knoll

Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.

Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de

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