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Informationsfülle - Segen oder Fluch?
LIVE - ein Beitrag von Dr. Mathias Knoll
Die Worte haben nur noch eine kurze Halbwertzeit, auch wenn ständiges Reden den Speichelfluss fördert. Ständig musst Du einen fremden Text nachbeten, wenn Du dazugehören willst. Und je länger Du sprichst, um so eher musst Du erstaunt sein, dass es Dich überhaupt noch gibt.
Schnell hinterlässt diese Form der Kommunikation ein Gefühl von Übersättigung, auch wenn Dich ein chronischer Hunger plagt.
Alles wird „live“ in der realen Zeit. Kein Warten mehr. Kein Bremsen wie beim Autofahren. Mit der Geschwindigkeit von Videokonferenzen werden die Grenzen der Beschleunigung erreicht. Auf die schnelle Information kommt es an. Als bildeten diese Infos die Grundlage zur Lösung der Menschheitsprobleme. Spröde Informationen wie die Aktienkurse oder die Hochglanzbroschüren der Konzerne. Meisterwerke der Typographie - zugegeben. Und doch nur sachliche Texte hinter denen sich eine Gesellschaft versteckt.
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Die Informationsschwemme produziert Pseudokontexte. Als ließen sich so die Worte verlässlich im Computer einbinden. Wortschöpfungen bleiben im Rechtschreibprogramm hängen. Sie werden für ihre Eigenart bestraft. So wird der Wunsch nach Ausdruck, um nicht vom Stilgefühl zu sprechen, schnell zu einer Kunst von Gestern.
Wer möchte nicht an die Alles umfassende Lösung glauben? Wo ist also das Problem? Aber totale Lösungen funktionieren nie. So sehr man sie auch verspricht. Im Gegenteil, sie sind nur eine Entschuldigung für den, der glaubt soviel Einfluss zu haben, dass die in Aussicht gestellten Antworten noch warten können. So lassen sich Lösungen gut versprechen...
Auch wenn die Telekommunikation die absolute Geschwindigkeit erreicht, so musst auch Du feststellen, dass es in Deinem Leben nicht mehr so schnell vorangeht. Kaum haben wir verstanden, was gestern noch galt, werden wir mit der nächsten Neuheit konfrontiert. Als seien Stillstand und Langeweile identisch. An der Nahtstelle von Geschwindigkeit und Stillstand, Distanz und Nähe verbleibt ein seltsam ödes Niemandsland. „Ja“ sagen ohne zu glauben eine wirkliche Alternative zu haben, schafft untergründige Aggressionen und die Sehnsucht nach dem ewig Neuen.
Von Tag zu Tag wird das Aktuelle noch aktueller. Selbst mit dem Komparativ ist das kaum zu begreifen. Und wer das, was aktuell ist nicht versteht, bleibt zurück als Ignorant. Da kannst Du Dich noch so sehr entrüsten. Denn das, was modern ist, ist auch das, was es noch nicht ist und im Übrigen hat es Dich schon längst überholt. Wie willst Du da die Aktualität in den Griff bekommen?
Beitrag von Dr. Mathias Knoll
Über mich: Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.
Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de
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