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Politikverdrossenheit

Mail vom 6.4.09

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich beschäftige mich, aus gegebenem Anlass, mit dem Thema Politikverdruss, das ich bei mir selber und bei vielen Bekannten konkret erlebe.
Ich möchte Ihnen ein paar Gedanken dazu mitteilen.

Für mich ist der gesunde Menschenverstand wichtig.
Die Parteien sind als „Ausführende“ für die Politik historisch eingesetzt; wie sollte man Demokratie sonst gestalten? Man muss Interessenvertretungen für Bürgergruppen finden.
Das Parteiensystem heutzutage sorgt meiner Meinung nach aber dafür, dass die Politik abgehoben und am Bürger vorbei regiert.

Wer fragt denn mal konkret und differenziert nach, was die einzelnen Bürger wollen und brauchen? Was sie denken, gut finden oder auch nicht so gut.
Und wer zieht dann auch noch echte Konsequenzen daraus?

Wenn das tatsächlich geschähe, fände ich Politik gut, wäre die Politik wirklich für den Bürger da.
Die Realität sieht für mich anders aus.
Man hat das Gefühl, die Meinung der Bürger interessiert „die da oben“ gar nicht.
Man wird, auch bei differenzierten Zuschriften, mit Antworten abgespeist (wenn überhaupt!), die die eigentliche Thematik gar nicht berühren oder Pauschalaussagen treffen.

Für die Ausgabe (und ggf. die Verschwendung) von Milliarden-Geldbeträgen ist letztendlich keiner verantwortlich. (jeweils Verweis an andere Stellen, die aber auch nicht zuständig sind...)
Ich habe darüber mit Mitbürgerinnen gesprochen, die in entsprechenden Behörden arbeiten – und diese Beobachtung bestätigt bekommen.
Abwrackprämie, Gesundheitsfonds, Einheitsschule, Ganztag für alle, Krippe ab 1 sehe ich sehr kritisch. Da wird sehr viel Geld ausgegeben, Geld, das man nur einmal hat.
Ist es da wirklich sinnvoll angelegt???
Ich habe diverse Texte dazu geschrieben, einige sind auch veröffentlicht worden.

Ich als verantwortliche Bürgerin, Apothekerin, 41, Mutter zweier Kinder, will das nicht einfach so hinnehmen - deshalb schreibe ich, auch an Politiker, wie jetzt zum Beispiel Sie.
Wenn keiner mal was sagt - und auch konkrete Anregungen, Anstöße gibt - kann sich ja nichts ändern.

Irgendwie habe ich Hoffnung - denn eigentlich gibt es doch viele verantwortliche, intelligente und vernünftig denkende Menschen in diesem Staat.
Ich sehe das immer, wenn ich die Kommentare zu Artikeln z.B. auf "Welt online" oder zu "Anne Will" lese. Zumeist höchst vernünftig.
Aber die Regierenden (oder "Regierigen"?) scheint das nicht zu interessieren.
Schade eigentlich.

Warum "regieren" nur Leute, die in einer Partei sind? (Thema von oben nochmal)
Das ist das bestehende System, traditionell.
Demokratie muss organisiert sein, klar.
Aber ist das „System“ nicht in Manchem in der Tradition erstarrt und "verknöchert", hat starke Funktionseinschränkungen?
Unflexibel, undifferenziert, zum Teil nicht sachlich, sondern emotional appellierend.
So kann man meines Erachtens keine ernsthafte Politik betreiben.
Wobei ich nicht Ihre individuelle Ernsthaftigkeit anzweifle – aber in der Gesamtheit geht da, für mitdenkende Bürger – zu viel von unter.

Vielen Politikern fehlt meines Erachtens auch der Realitätsbezug.
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie Menschen für ihr alltägliches Überleben in diesem Staat kämpfen müssen.
Die Aktion "7 Wochen auf Hartz 4" in der Fastenzeit gab es mal, ich weiß nicht, ob auch aktuell.
Mit der Erfahrung würden vielleicht manchem, der auf seinem "hohen Ross" thront, die Augen geöffnet werden für Realitäten, in die er / sie bisher keinen Einblick hatte, nicht mal eine Ahnung.

Es gibt sicher manchen Menschen im Lande, der auch Verantwortung übernehmen würde, sich aber nicht von einer Partei vereinnahmen lassen möchte.

Es gibt ehrenamtliches Engagement, das sehr vieles bewirkt und manche Nöte abzulindern versucht. Leider gibt es dafür „von oben“ wenig Unterstützung.
Aber vielleicht läuft manches gerade ehrenamtlich, wenn Menschen sich wirklich von Herzen für eine gute Sache einsetzen, sogar besser.
Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden, zum Beispiel mit Gebäuden, die bereitgestellt werden, einer Büro-, Schulungs-, Koordinationskraft, die bezahlt wird oder ähnlichem.

Bürger, und gerade Familien mit Kindern brauchen flexible, unformale Angebote und Lösungen.
Orte, wo Kinder ( und auch Eltern) mit offenen Armen empfangen und in ihren Nöten ernstgenommen werden.
So ein Ort kann Schule nur ganz bedingt sein – weil sehr viele Probleme grundlegend aus der Schule und der dort erlebten „Gemeinschaft“ herrühren.

Warum gibt es den Parteienzwang, der das Regieren zwar leichter macht, es den Abgeordneten aber nicht mehr ermöglicht, in komplexen Fragestellungen tatsächlich nach ihren Überzeugungen und ihrem Gewissen zu stimmen??? (in realiter jedenfalls)

Politik hat für mich etwas Zirkushaftes (ich war 2 mal im Landtag und war, ehrlich gesagt, schockiert über die dortigen Umgangsformen...) und irgendwie nicht viel dahinter (stimmt nicht ganz, es sind sehr komplexe Themenstellungen).
Manche Arbeit scheint unrationell und formal, für viel Geld (Gutachtenerstellung, Beraterfirmen, Coachings,...).
Wenn es der eigene, private Haushalt wäre, würde man wahrscheinlich wirtschaftlicher denken – aber es sind ja „nur Steuergelder“.
Wie viele differenziert erarbeitete Anträge werden von der politischen Mehrheit einfach mal eben "weggestimmt"? (Das habe ich im Landtag mit großer Betroffenheit erlebt.)
Man müsste doch meinen, dass sich auch Politiker der unterschiedlichen Parteien mal an einen Tisch setzen könnten und ganz konstruktiv versuchen, das für den Bürger Beste zu finden und zu erarbeiten. (Das passiert sicherlich auch an vielen Stellen.)
Ohne dass man gleich wieder seine Partei profilieren und groß rausstellen und die Anderen dementsprechend schlecht machen muss.
Das wäre POLITIK FÜR DEN BÜRGER!

Meine eigentlichen Themen sind Schule und Familien.

Ich plädiere dafür, dass, bevor großflächig pauschal überall Ganztag eingeführt wird und sonstige Änderungen wie Krippe mit Rechtanspruch ab eins usw., die Familien individuell, differenziert und sachlich über das befragt werden, was sie brauchen und sich wünschen. (z.B. Ganztag – Mittag – nur Regelunterricht - Sonstiges?)

Aus den Ergebnissen dieser Erhebung kann man dann vor Ort ein wirklich den Bedarf treffendes Angebot erstellen.

Dabei muss auf Qualität und Finanzierbarkeit geachtet werden.

Wahlmöglichkeiten müssen bestehen, um Artikel 6 des Grundgesetzes zu berücksichtigen (besonderer Schutz der Familie).
Die eine Familie braucht wirklich längere Kinderbetreuung, andere nur bis mittags, andere gar nicht, andere nur 2 oder 3 Nachmittage.

Beispiel: Die Ganztagsschule ist grundlegend verpflichtend für alle 5 Werktage.
Ein Klassenkamerad meiner Tochter (2.Klasse) war jedoch im Unterricht so unruhig, dass die Lehrerin den Eltern vorschlug, ihn an 2 Nachmittagen zu Hause zu betreuen.
Er geht jetzt an 2 Tagen mit meiner Tochter, die Regelkind ist, zusammen nach Hause.
Die Beiden haben sich darüber richtig angefreundet, verabreden sich gerne, haben viel Spaß.

Durch den bestehenden Ganztag werden Kontaktmöglichkeiten zwischen Regel- und -Ganztags-Kindern stark eingeschränkt.
Verabredungen, spontanes Spiel sind kaum mehr möglich.

Meine Tochter verliert demnächst ihre letzte „Regelunterrichts-Mitschülerin“ durch Wegzug; alle ihre Freundinnen aus dem Ort sind im Ganztag.
Ich habe sie jetzt, zwangsläufig, auch im Ganztag angemeldet, weil ihr ihre Freundinnen viel bedeuten. Brauchen tun wir das eigentlich nicht.

Mein Sohn (4.Klasse) betont dagegen, für ihn käme Ganztag nie in Frage. Er war nur in der 1. Klasse bis Mai in der da noch bestehenden Bis-Mittags-Betreuung – mit sehr gutem Effekt!
Als er dann entschied, er wolle doch lieber mit seinem Freund nach Hause laufen (da konnte er die Tür alleine aufschließen) hat er zu Hause immer gleich die Hausaufgaben erledigt, wie von der Betreuung gewohnt. Das hält bis heute an.

Deshalb plädiere ich eindeutig für eine an den Unterricht anschließende Bis-Mittags-Betreuung mit Hausaufgabe (fakultativ) als gleichberechtigte Alternative zum Ganztag.

Es ist wunderbar, wenn die Kinder mittags die Schule wirklich hinter sich lassen können. Bei anderen Bezugspersonen als der Mutter und mit einem Leckerli als Belohnung hinterher werden die Hausaufgaben meist mühelos und selbstverständlich erledigt.
Die Kinder können sich auch gegenseitig helfen. Und sie begegnen Kindern aus anderen Klassen und Klassenstufen, was den Horizont erweitert.

Die Familien, die gar keines der kräftig mit Steuermitteln bezuschussten Betreuungs- Angebote wahrnehmen und sich für die Eigenbetreuung der Kinder entscheiden, sollten Gutschriften für die spätere Rente bekommen, um ein wenig Gleichberechtigung zu erreichen.
Denn wer seine Kinder selbst betreut, kann keine Beiträge für seine spätere Rente erarbeiten; er / sie sorgt aber verantwortlich für das „Humankapital“ des Rentensystems, die Kinder, die später die Renten der Elterngeneration sichern.

Die Übrigen, die die Fremdbetreuung wählen, werden doppelt gefördert – zahlen für die Rente ein und bekommen die Zuschüsse für die Betreuungsangebote. Für ihre Rente kommen dann später auch die Kinder der Nicht-Geförderten (eigene Wahl) auf.
Diese gehen im derzeitigen System völlig leer aus!!!
Das ist zutiefst ungerecht!

Familien leben gerne mit ihren Kindern.
Eltern sind (vielfach jedenfalls) mündig und möchten frei entscheiden, wie sie das Familienleben mit ihren Kindern gestalten wollen.

Darum habe ich das Aktionsbündnis „Gerne leben mit Kindern“ (www.glml.de) begründet, das sich unter anderem bemühen will, die Belange von Familien stärker und differenzierter in die Politik zu transportieren.
Es gibt viele andere in diese Richtung arbeitende Gruppen, wie das „Familiennetzwerk“, „Verantwortung für die Familie e.V.“ um Christa Meves und viele andere.

Gemeinsam ist uns das Gefühl, dass die Politik mit ihren Entscheidungen teilweise familiengefährdend handelt, Familien jedenfalls vor eine schwere Belastungsprobe stellt!

Eltern (jedenfalls die meisten) wollen ihre Kinder verantwortlich erziehen und sind dabei sehr qualitätsbewusst.
Kindererziehung ist jedoch in der heutigen, von Konsum und Medien geprägten Zeit eine schwierige Aufgabe.

Die Politik sagt: „Eltern versagen in der Kindererziehung, also muss der Staat, müssen Professionelle die Erziehung (teilweise) mit übernehmen.“

Die andere „Stellschraube“ zur Erreichung dieses Ziels ist, an der Verbesserung der Erziehungskompetenz der Eltern zu arbeiten, diese zu fördern mit Fortbildungs- und Vernetzungsangeboten zum Thema, und zwar bei Bedarf von der Schwangerschaft bis „Aus dem Haus – flügge“.

Es gibt ganz grundlegende Erziehungsgrundsätze: Positive Annahme, klare Kommunikation, klare Grenzsetzungen, Konsequenz, Liebe.
(Siehe „Starke Eltern – starke Kinder“ des Kinderschutzbundes, Triple P (Positive Parenting-Programme), PEP for Kids und Teens (Positives Erziehungsprogramm,...).

Unter Beachtung dieser Grundsätze kommt man auch nachweislich besser mit verhaltensauffälligen Kindern (ADHS, Autismusformen...) klar, sie haben eine bessere Prognose für ihre Zukunft.

Besonders für Familien, deren Kinder von solchen Störungen betroffen sind, sollte es unformale, zupackende, familienentlastende, aber die Familie zusammenhaltende Unterstützung geben.
Zu oft noch landen diese Kinder im Heim, z. B. nach Schulverweigerung – mit sowohl für die Familie als auch für das Kind schwerwiegenden Folgen.
(Eine gute Freundin von mir ist betroffen davon – es ist heftig!)

Förderung, Unterstützung der Eltern in ihrer verantwortlichen Aufgabe ist nachhaltige Familienförderung; denn Jugendliche, die eine gute Erziehung von ihren Eltern her erfahren haben, geben diese wiederum weiter an ihre Kinder, in die nächste Generation!


Für heute viele Grüße.
Ich freue mich auf Rückmeldungen und hoffe, dass ich noch eine Partei finden kann, die für mich für die kommenden „Kreuzchen“ in Frage kommt.
Die Alternative ist Nichtwählen... .
Almut Rosebrock, Tel 0228/340926

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